Artikel: 12 Exposures - Episode 3: Alan Schaller

12 Exposures - Episode 3: Alan Schaller
Alan Schaller
Der in London lebende Street-Fotograf Alan Schaller ist bekannt für seine eindrucksvolle Schwarz-Weiß-Fotografie und seine starken, grafischen Kompositionen. In diesem Interview spricht er über seinen ungewöhnlichen Weg in die Fotografie, die Entwicklung seiner unverwechselbaren Bildsprache sowie seine Vision hinter Irys – einer Plattform, die der Fotografie in der heutigen digitalen Welt wieder ein fokussiertes und bedeutungsvolles Zuhause geben soll.
Das Interview fand nur eine Woche vor einem gemeinsamen Photowalk von Oberwerth und Irys statt. Zu diesem Anlass erhielt jeder Teilnehmer einen hochwertigen Camera Strap Colorado, während Alan eine Signature Bag überreicht bekam, die später innerhalb der Irys-Community verlost wurde – eine Geste, die das gemeinsame Bekenntnis zu Handwerkskunst, Gemeinschaft und der Wertschätzung der Fotografie unterstreicht.
Was hat Sie ursprünglich zur Fotografie gebracht – und haben Sie tatsächlich vergleichsweise spät begonnen?
Ich habe nie an die Vorstellung geglaubt, dass man in der Fotografie „zu spät“ anfangen kann. Im Gegensatz zu Disziplinen wie klassischer Musik oder Profisport ist Fotografie in jedem Alter zugänglich. Als ich begann, arbeitete ich Vollzeit in der Musikindustrie als Songwriter und Produzent. Musik war meine gesamte berufliche und soziale Welt, doch sie war stark kollaborativ geworden und zunehmend vom Business geprägt.
Die Fotografie begann als Hobby – ehrlich gesagt teilweise, weil ich eine Frau beeindrucken wollte, die selbst Amateurfotografin war. Eine Freundin von ihr sagte mir, ich solle mir eine Kamera kaufen, damit sie mit mir auf einen Fotospaziergang geht. Also kaufte ich eine Canon 700D mit Kit-Objektiv – und ja, es hat funktioniert, wir waren zwei Jahre zusammen.
Doch Fotografie wurde schnell mehr als nur ein Zeitvertreib. Ich kaufte mir eine Leica, obwohl ich sie mir kaum leisten konnte – einfach, weil ich die Fotografie so sehr liebte.
Innerhalb etwa eines Jahres produzierte ich Arbeiten, die professionelle Aufmerksamkeit erregten – insbesondere eine Serie über die Londoner U-Bahn, die zu Aufträgen von Zeitungen wie The Independent und The Guardian führte. Ab diesem Zeitpunkt wurde die Fotografie ganz selbstverständlich mein Hauptfokus.
Wie hat sich Ihr unverwechselbarer Schwarz-Weiß-Stil im Laufe der Zeit entwickelt?
Mein Stil entwickelte sich schrittweise – durch Fokus und bewusste Begrenzung. Von Anfang an habe ich mich fast ausschließlich der Schwarz-Weiß-Street-Fotografie verschrieben. Meine frühen Arbeiten unterscheiden sich stark von dem, was ich heute produziere – abgesehen von der monochromen Ästhetik und dem Fokus auf Menschen.

Zunächst arbeitete ich mit einem 50mm-Objektiv. Nach etwa anderthalb Jahren merkte ich jedoch, dass es meine Sichtweise einschränkte – insbesondere in engen Räumen wie der U-Bahn. Der Wechsel zu einem 24mm-Objektiv war ein Wendepunkt. Dadurch konnte sich meine visuelle Sprache wirklich entfalten.
Ein 24mm-Objektiv war damals in der Street-Fotografie nicht üblich. Ich habe es nicht gekauft, weil es jemand anderes nutzte – sondern weil es das Werkzeug war, das ich brauchte. Mit diesem Wechsel begann sich mein Stil klarer zu formen.
Parallel dazu entwickelte ich eine eigene Herangehensweise an die Bildbearbeitung mit Lightroom und Silver Efex und lernte, eine konsistente visuelle Identität über sehr unterschiedliche Lichtverhältnisse und Orte hinweg zu bewahren.
Wie hat sich Ihre Beziehung zur Street-Fotografie im Laufe Ihrer Karriere verändert?
Als ich erstmals mit Street-Fotografie in Berührung kam, verstand ich sie nicht sofort. Sie wirkte auf mich zufällig. Erst als ich Fotografen wie Henri Cartier-Bresson entdeckte, begann ich ihre Tiefe und Komplexität zu schätzen.
Street-Fotografie wurde zu einem Raum, in dem ich menschliches Verhalten, Architektur und den Rhythmus des Alltags beobachten konnte. Mit wachsendem Selbstvertrauen vertiefte sich meine Beziehung zu diesem Genre – aus Neugier wurde langfristiges Engagement. Bis heute bildet sie das Fundament meiner fotografischen Arbeit.
Worauf achten Sie beim Fotografieren am meisten: Licht, Stimmung oder Geschichte?
Es ist nie nur ein Element. Licht spielt eine große Rolle – aber nicht nur dramatisches Sonnenlicht oder starker Kontrast. Mich interessiert jede Form von Licht, auch Übergangsmomente wie die Dämmerung oder sogar das Fehlen von Licht.
Entscheidend ist zu erkennen, was eine Szene bietet, und bewusste Entscheidungen zu treffen, um ihr Potenzial zum Ausdruck zu bringen. Herausfordernde Lichtverhältnisse führen oft zu besonders befriedigenden Ergebnissen, weil sie kreatives Problemlösen erfordern.
Gerade im kommerziellen Kontext ist Anpassungsfähigkeit essenziell – einen klaren persönlichen Stil zu bewahren und zugleich auf praktische Anforderungen zu reagieren.
Die besten Fotografen sind diejenigen, die denken und sich anpassen können – mit einer starken Handschrift, aber auch Flexibilität innerhalb dieser.

Welche Themen oder Ideen inspirieren Sie heute besonders?
Isolation in der modernen Welt ist seit vielen Jahren ein wiederkehrendes Thema in meiner Arbeit, insbesondere in meinem Buch Metropolis. Obwohl ich gesellig bin, bin ich auch ein eher privater Mensch – und diese Dualität spiegelt sich häufig visuell wider.
Mein nächstes Buch, Street Safari, beschäftigt sich mit Tieren, denen ich in urbanen Umgebungen begegnet bin. Ich fotografiere Tauben mit großer Ernsthaftigkeit – viele lachen darüber, aber ich halte einige meiner besten Bilder für Taubenaufnahmen.
Sie sind unglaublich schwierige Motive: schnell und unberechenbar. Gerade diese Demut im Motiv spricht mich an. Wenn man aus etwas Alltäglichem wie einer Taube ein visuell starkes Bild schaffen kann, trifft das für mich den Kern der Street-Fotografie. Es geht um Beobachtung, um die kleinen Dinge um uns herum – nicht darum, ständig spektakuläre, cineastische Momente zu jagen.
Was hat Ihr Interesse geweckt, Irys zu gründen?
Meine Motivation entstand aus der Beobachtung, wie sich soziale Medien – insbesondere Instagram – entwickelt haben. Ich bin sehr dankbar für die Rolle, die Instagram in meiner Karriere gespielt hat. Doch die Plattform hat sich zunehmend in Richtung Kurzvideo, Werbung und algorithmusgesteuerte Inhalte verschoben.
Fotografie steht dort nicht mehr im Mittelpunkt.
Ich wollte einen fokussierten Raum schaffen, in dem Fotografie Priorität hat – frei von ständiger Ablenkung – und in dem von Menschen geschaffene Bilder mehr geschätzt werden als automatisierte oder KI-generierte Inhalte.
Wie hat die Arbeit an Irys Ihre Sicht auf Fotografen und deren Bedürfnisse verändert?
Der Aufbau von Irys hat mir deutlich gemacht, wie schwierig Sichtbarkeit für Fotografen heute geworden ist. Talent allein hat noch nie Erfolg garantiert, aber die Wege zur Entdeckung wirken heute begrenzter denn je.
Anerkennung sollte nicht das primäre Ziel sein, doch Fotografen brauchen Räume für sinnvolle Interaktion und Sichtbarkeit. Irys möchte Lernen, Zusammenarbeit und reale Begegnungen fördern – und gleichzeitig Möglichkeiten schaffen, wenn wir wirklich an die Arbeit einer Person glauben.
Welche Rolle hat Gemeinschaft in Ihrer eigenen Entwicklung gespielt?
Gemeinschaft war für mich immer wichtig, auch wenn Fotografie oft eine eher einsame Tätigkeit ist. Gespräche, gemeinsame Erfahrungen und der Blick auf die Arbeiten anderer haben meine Entwicklung geprägt.
Dieses Gefühl von Zugehörigkeit und Austausch möchte ich mit Irys aktiv fördern – sowohl online als auch durch reale Initiativen wie Ausstellungen, Photowalks und Workshops. Es soll ein ganzes Ökosystem sein, nicht nur ein Feed.
Vor welchen Herausforderungen stehen Nachwuchsfotografen heute in Bezug auf Sichtbarkeit und Chancen?
Nachwuchsfotografen bewegen sich in einem Umfeld, in dem Aufmerksamkeit fragmentiert ist und Algorithmen die Sichtbarkeit dominieren. Plattformen priorisieren Trends und Quantität statt Tiefe und Handwerk.

Dadurch wird es für durchdachte, langfristige fotografische Arbeiten extrem schwierig, entdeckt zu werden. Alternative Räume zu schaffen, in denen Qualität und Intention zählen, wird immer wichtiger.
Wie gelingt es Ihnen, Ihre Rolle als Tech-Gründer mit Ihrer Arbeit als Fotograf zu vereinbaren?
Es ist ein ständiger Balanceakt. Es gab eine Zeit, in der ich viele Stunden täglich fotografieren konnte – das ist heute nicht mehr möglich.
Der Aufbau von Irys ist zeitintensiv, hat mir aber auch Türen geöffnet, die sonst verschlossen geblieben wären. Wir haben mit Apple zusammengearbeitet, mit Tourismusverbänden gesprochen und prüfen Möglichkeiten, Irys-Fotografen in Projekte einzubinden.
Es war zeitweise stressig, aber auch unglaublich erfüllend – etwas von Grund auf aufzubauen und zu sehen, dass Menschen es tatsächlich nutzen.
Ich fotografiere weiterhin täglich, nur weniger intensiv. Langfristig möchte ich wieder mehr Zeit dem Fotografieren widmen, während die Plattform weiter wächst.
Wie soll Irys Fotografen kreativ und professionell unterstützen?
Irys ist als mehr als nur ein soziales Netzwerk gedacht. Ziel ist der Aufbau eines Ökosystems aus Ausstellungen, Publikationen, Workshops, Photowalks und Markenkooperationen.
Kreativ soll die Plattform inspirieren und herausfordern; professionell soll sie transparentere und unterstützendere Zugänge zu Möglichkeiten schaffen.
Welche Wirkung wünschen Sie sich für Communities wie Irys auf die Zukunft der Fotografie?
Ich hoffe, dass Plattformen wie Irys dafür sorgen, dass Fotografie weiterhin ein bedeutungsvolles Zuhause hat.
Ich möchte, dass zukünftige Generationen Fotografie auf eine Weise entdecken, die sich menschlich, inspirierend und nachhaltig anfühlt.
Letztlich geht es darum, die Fotografie zu feiern – und die Menschen, die sie erschaffen.



